Liebe Blogleser,
egal, wo man seine Ohren und Augen hat, überall liest und hört man man Zweisprachigkeit oder zweisprachige Erziehung, insbesondere von Politikern, die selbst keine praktischen Erfahrungen damit haben.
Die Wichtigkeit dieses Themas schein in einer globalen Welt scheint gewaltig zu sein.
Da kommen gewöhnliche Medien wie Zeitung oder das Fernsehen bei der Nachrichtenverbreitung nicht mehr hinter her und versuchen zum Teil ohne praktisches Erfahrungen oder theoretisches Wissen auf den Zug aufzuspringen.
Unglaublich vielen Menschen, insbesondere Kinder sind von den Folgen der Globalisierung der Welt mit verschiedenen Sprachen betroffen.
Witzigerweise suchte ich selbst Informationen zum Thema zweisprachige Erziehung. Ich fand ausschliesslich theoretische Hinweise und Ratschläge von Fachleuten und Experten.
Ich konnte aber keinen Artikel finden, der sich auf praktische Erfahrungen bezog.
Aus diesem Grund habe ich nun einen ausführlichen Artikel zum Thema „Erfahrungen in der zweisprachigen Erziehung“ geschrieben, und ich würde mich sehr freuen Ihre/Eure Kommentare und Erfahrungen hier lesen zu können.
Teil 1:
Ich will nicht über Theorien diskutieren wie Sprachgefühlt bei Zweisprachiger Erziehung oder von wem lernt das kennt die ersten Worte, hier soll ausschliesslich über praktische Erfahrungen in der zweisprachigen Erziehung schrieben und diskutiert werden.
Selbst bin ich nicht sprachenbegabt, aber bereits einige Sprachen gelernt:
Latein: mittelmaessig angefangen, schlecht aufgehört
Englisch: mittelmässig angefangen, mittelmässig aufgehört
Französich: schlecht angefangen, gut aufgehört
Spanisch: trotz jahrlangem Aufenthalt in Spanien nur Mittelmass
Chinesisch: angefangen
Die kleine Tocher:
Spanisch: sehr gut
Deutsch: gut
Englisch: Worte
Ohne auch nur die geringsten Erfahrungen in der zweisprachigen Erziehung zu haben, haben wir seit dem ersten Tag die Sprachen 100% getrennt. Mutter spricht spanisch, Vater deutsch. Der einzige und beste Tip, den wir aus dem Bekanntenkreis bekommen haben.
Die Reaktionen im Babyalter waren natürlich schlecht zu deuten, aber bereits als Kleindkind schon ersichtlich. Da Deutsch die seltenen gehörte Sprache war, waren folgende Reaktionen öfters sichtbar:
- keine Lust deutsch zu reden oder zu hören
- Verzicht auf Gutenachtgeschichte in Deutsch, wenn spanisch nicht möglich
- mehr deutschsprachige Personen um sich: Höhere Priorisierung der deutschen Sprache beim Hören und Sprechen
- nach Besuch: langsames Reduzieren der Priorität
- Deutsch ist die Sprache, die nur Papa und ich können, so etwas wie eine Geheimsprache vor anderen
- Mama kann kein deutsch, nur wir beide (obwohl Mama sehr gut)
- mit 5 Jahren in Deutschlandurlaub: am 1. Tag Kommunikation in Substantiven, am 2. Tag bereits mit Verben in Infinitivform, am 3. Tag bereits Partizip als Vergangenheitsform verwendet. Danach ein ganzes Vokabularium, das ich in den letzten Jahren zusammen verwendet hatte, nicht aber in den letzten Tagen. Nach dem Urlaub wurde der Standard mehr oder weniger gehalten und danach noch leicht gesteigert. Ganz zum Stolz des Vaters!
- Sehen und sprechen: ja; nur telefonieren: nein
- Videos: Sprache ist egal, selbst wenn die Tochter wählen darf
- bei bekannten normalschwierigen Worten und ganzen Sätzen ist ein sehr gutes Dolmetschen in schneller Geschwindigkeit vorhanden
- als Geheimsprache immer gut: Lass Dir die Schaukel nicht von dem grossen Kind wegnehmen, Papa hilft Dir wenn was passiert
- bei Müdigkeit: keine Lust auf Deutsch, lieber keine Geschichte als eine Geschichte in Deutsch.
- keine Lust anderen Kindern Deutsch beizubringen
- dann hatte ich die Idee: gleich das Kind zum Chinesischkurs anmelden, wenn das alles so wunderbar klappt: aber nach ein bisschen Nachdenken muss ich mir gestehen: 1 Sprache sehr gut, 2. Sprache gut, 3. Sprache derzeit Worte: eine 4. Sprache, und das noch so kompliziert wie chinesisch ist wohl doch in dem Alter zuviel und kann später immer noch nachgeholt werden, bei Bedarf natürlich.
Als 1. Teil der Erfahrungen reichts jetzt erstmal und ich warte mal das allgemeine Interesse ab, dann gibts natürlich noch mehr.
Für Feedbacks (aus praktischer Erfahrung) und eigene Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.
Teil 2
Bis zum 18. Lebensjahr kann sich das Kind ja beider Staatsbürgerschaften erfreuen, dann kommt aber der Tag der Entscheidung.
Ziel der Erziehung muss dabei sein, dass die Sprache keinen Einfluss auf die Entscheidung hat (beide müssen 100% vorhanden sein).
Heisst: die weitere Berufsausbildung kann sowohl in Deutschland als auch in Spanien ohne jeden sprachlichen Nachteil erfolgen und auch die spätere Berufsausübung kann in beiden Ländern erfolgen.
Als Kleinkind war zu beobachten, dass die Umstellung auf die andere Sprache bei Urlauben immer ca 1 Tag gedauert hat, bis das Verstehen und Sprechen kam.
Mittlerweile hat sich dies wesentlich reduziert, am 2. Tag ist dann natürlich alles auf gutem Niveau vorhanden.
Wichtig war für uns auch, dass beide Landesgebräuche Teil der Erziehung sind:
- Nikolaus / Santa Claus
- Christkind / papa Noel
- Osterhase, 1. April und Reyes Magos, Karneval
Zugegeben, da die Erfolge auf sich warten liessen, war ich nicht nur einmal drauf und dran die Zweisprachige Erziehung abzubrechen, da das ständige Nichtwollen, Nichtverstehen und die Erfolgslosigkeit nicht viel Hoffnung zeigten. Dies war sogar im Alter von 4 Jahren. Ganz kurz vor dem Durchbruch beim 5. Geburtstag. Und dann ging ja alles viel schneller als erwartet. Man kam mit den Erfolgserlebnissen gar nicht mehr mit. Seitdem weiss ich, dass nichts umsonst war und bin überglücklich. Also nie aufgeben, die Kinder sind schlauer als wir es meinen. Ich kann auch nichts mehr sagen in keiner Sprache, ohne dass die Tochter alles versteht. Vorher konnte ich noch schnell reden und konnte mir sicher sein, dass sie nichts versteht. Die Zeiten sind längst vorbei.
Deutlich sichtbar ist, dass die angewendete Sprache des Kindes mit dem Gesicht des Kommunikationspartner zusammenhängt. Deshalb unbedingt die Regel keine Vermischung der Sprachen, eine Person bleibt immer bei der gleichen Sprache immer einhalten, auch wenn es teilweise noch so schwer und frustrierend ist und das Kind mal nicht will oder sogar weint.
Mir selber geht’s tatsächlich auch so, dass ich immer mit einem Gesicht eine Sprache verbinde und dabei nicht mehr überlege in welcher Sprache ich sprechen, sondern dies läuft vollautomatisch ab.
Hin und wieder kommt dann: ich verstehe Dich nicht. Ich habe wiederholt und maximal einige Worte übersetzt ohne in die andere Sprache zu verfallen. Ganz wichtig: hart bleiben, auch zu sich selbst. Wie schon geschrieben hatte ich vielfach schon fast hingeworfen.
Es ist ganz wichtig sich sehr viel Mühe beim Verstehen zu geben (Aussprache). Es war für mich ganz normal, dass zwei Sprachen mit derart unterschiedlicher Betonung nicht einfach zu unterscheiden sind für ein Kind. Das Besserwerden kam ganz von selbst. Das Kind wiederholte einfach nur die Worte und Redewendungen der Bezugspersonen. Mir wurde da erstmal klar, welche Gewohnheiten ich beim Reden hatte, welche Worte ich oft verwendete und in welcher Betonung. Durch das Nichtverstehen durch die Aussprache zweifelt das Kind dann an der Richtigkeit seiner Sprache, das ist vor allem bei der 2. Sprache sichtbar. Bei der 1. überhaupt nicht, da es sich da voll und ganz sicher fühlt. Jedes Verstehen in der 2. Sprache wird für das Kind zum Erfolgserlebnis, es freut sich und gibt ihm Ansporn mehr zu sprechen, andere Worte zu sprechen und weiterzumachen. Lieber einmal zuviel Lob als einmal zu wenig.
Teil 3
Um die Zweisprachigkeit weiter zu trainieren haben Puppen und Tiere, die entweder spanisch oder deutsch sprechen. Meine Tochter spricht dann tatsächlich mit der einen in spanisch undm mit der anderen in deutsch. Alles in schnellem Wechsel. Und: auch ich muss mich daran halten meint meine Tochter.
Ein Kind kopiert alles, daran muss ich mich immer wieder erinnern: mein Vokabular, meine Grammatik, meine Betonung. Meiner Tochter zuzuhören ist die beste Möglichkeit mich selbst zu beobachten. Deshalb ist es so wichtig, dass ich selbst in der Sprache ein gutes Vorbild bin. Selbst Teile eines Dialekts übernimmt das Kind so oder auch nicht.
Das heisst: je besser ich selbst die Sprache spreche und beherrsche, desto besser die Sprache des Kindes. Wie schon geschrieben, wollte ich deshalb nicht, dass das Kind mit absoluten Anfängern in Deutsch lernt und von einem Lehrer mit absolut mittelmaessigen Deutschkenntnissen unterrichtet wird.
Um uns auf die zwei Sprachen zu konzentrieren verbringen wir unsere Urlaube auch immer bewusst in spanisch- oder deutschsprachigen Gebieten. Interessant sind dabei vor allen Dingen Urlaubsorte wie Mallorca und Fuerteventura, etc. Mit grosser Neugier fragte mich meine Tochter: ist das Spanien oder Deutschland? Spanien! Und wieso sprechen die Leute hier alle deutsch? Auf jeden Fall fühlte sie sich in jedem Moment sprachlich wie zuhause. Und gewechselt wurde mit der Sprache auch dauernd. Kinder, Kellner, Verkäufer …
Und noch mal möchte ich daran erinnern, wie schwer es mir selbst immer wieder gefallen ist: nicht aus Höflichkeit in die andere Sprache zu verfallen oder aus Bequemlichkeit oder Ungeduld. Selbst Geduld haben: es lohnt sich bestimmt. Konsequenz ist oberste Priorität.
Zum Training und zur Kontrolle auf welchem Stand das Kind gerade ist mache ich hin und wieder folgendes: ich verstehe meine Frau nicht und lasse meine Tochter übersetzen. Dass ich meine Frau nicht verstehe prägt sich beim Kind ein, mit der Konsequenz, dass ich öfter die Übersetzung bekomme als ich gedacht hatte. Und: ich sehe sofort welche Fortschritte sich ergeben haben und wo die Schwächen noch sind. Die schwierigsten Punkte, könnte ich auch vorher selbst drauf gekommen sein, sind die Punkte in denen die Grammatik abweichend ist und Ausnahmen der Grammatik.
Ob richtig oder nicht, weiss ich auch nicht, aber ich bin mit Korrekturen immer immer sparsam umgegangen, damit nicht die Unlust überhand gewinnt. Zu oft hatte ich wahrscheinlich früher spüren müssen, dass mein Kind keine zweite Sprache lernen wollte. Ich merke jetzt aber, dass sie heute jede Korrektur freundlich und interessiert aufnimmt und auch sofort nachspricht.
Kinderbücher haben wir immer in beiden Sprachen. Und auch als sie noch nicht lesen konnte, wusste sie immer, welches Buch in deutsch und welches in spanisch ist. Und genauso musste es vorgelesen werden. Ausnahmen haben wir von anfang an auch gar nicht erst zugelassen. Wisst Ihr wie schwer es ist ein Kinderbuch in einer Sprache zulesen und in der anderen dem Kind zu erzählen? Nicht die Übersetzung, nein, man muss jedes Buch doch hunderte mal lesen. Und dann immer die gleiche Übesetzung? Das Kind merkt tatsächlich, dass ich immer was anderes erzähle. Deshalb: ich bin immer bei der Sprache des Buches geblieben und das Kind hat dies auch akzeptiert.
Auch die Gewohnheit haben wir immer in der gleichen Sprache gelassen: Hausaufgaben aus Vorschule oder Kindergarten immer in spanisch, Gute Nachgeschichten immer in Deutsch. Man gewöhnt sich dran und das Kind ganz genauso. Und da der ganze Tag in verschiedene Gewohnheiten aufgeteilt ist, kann dies sehr gut in 2 Sprachen aufgeteilt werden. (Hausaufgaben, Gutenachtgeschichten, Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Spielen mit Eltern, Fernsehen, Video, Telefonieren mit verschiedenen Personen, …)
Ich habe immer gedacht, dass durch das Fernsehen und Video in der entsprechenden Sprache gelernt wird, da sich das Kind vollkommen auf die Geschichte im Fernsehen konzentriert.
Bemerkt habe ich allerdings, dass nur sehr wenige Worte im Vokabular meiner Tochter aus dem Fernsehen oder aus Videos kommen. Zum Verstehenlernen bestimmt sehr gut, aber zum Selbersprechen hat mich TV und Video nicht überzeugt.
Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass die TV und Videos uns sehr stark visuell ansprechen. Heisst die meisten Reize sind visueller Natur, die Sprache ist dabei eher untergeordnet.
Anders bei Vorlesen und Geschichteerzählen. Meine Tochter ist vollkommen konzentriert aufs Erzählen und greift immer öfter auch in die Geschichte ein, indem sie manche Inhalte so nicht akzeptiert und korrigiert oder weitere Personen in die Geschichte integriert. Ich habe mit Geschichteerzählen die besten Erfahrungen gemacht und es macht mir auch sehr viel Spass immer wieder neue Geschichten mit meiner Tochter zu erfinden, die Abend für Abend wieder eine neue Fortsetzung haben. Mittelpunkt sind dabei immer ihre Puppen und ihre Lieblingstierchen.
Je mehr ich selbst drauf achte: ich habe nie Unterricht gegeben oder bewusst Grammatik in der 2. Sprache gegeben. Das Lernen war wie bei der Muttersprache Learning by Doing und spielerisch (Spielen, Geschichten, Video, Unterhaltung, Lesen).
Neue Inhalte wie Lernen der Länder, Biologie, Rechnen etc lasse ich mit Geduld erstmal in der Schulsprache. Ich sage, dann auch immer in spanisch heisst das …, und der Papi sagt …
Ich denke immer es ist schon anstrengend genug, das neue Thema zu lernen. Wenn das sitzt, dann ist die Übersetzung viel einfacher.
Und jetzt bin ich selbst mal gespannt wie ich es in Zukunft mit Deutschunterricht halte, denn Sprechen lernen ist eine Sache, aber Schreiben lernen ist vielleicht doch etwas schwerer. Aber warten wir mal ab.
Teil 4
Umfeld und Familie
Bei Familientreffen tritt eigentlich immer eine Sprache ins Abseits, da meist alle ausser einem Elternteil eine Sprache sprechen. Man kann solche Situationen natürlich etwas unkomplizierter gestalten.
Meine Regeln in solchen Situationen:
- irgendwo in der Nähe des Kindes sitzen, damit nicht in der 2. Sprache quer über den Tisch gesprochen werden muss und so die Kommunikation gestört wird.
- Hin und wieder Kommentare in eigener Sprache zum Kind, damit es nicht das Gefühl hat, dass eine der Sprachen jetzt plötzlich keine Bedeutung mehr hat.
- Sprache der Familie verwenden, wenn es sich um Kommunikation mit allen handelt
Gerne macht das Kind auch immer das Spiel mit unsere Sprache als unsere Geheimsprache zu verwenden.
- schon wieder Suppe?
- Hat der Onkel aber eine Wampe bekommen
- Soll ich der Tante sagen wie schön Ihre Haare sind?
Das Kind reagiert immer mit viel Spass auf solche Ideen und springt auch dann gerne zwischen den beiden Sprachen hin und her.
Oder auch versteckte Kommentare:
- gib der Oma einen Kuss, die freut sich dann bestimmt
- setz Dich richtig hin
Deutlich schwieriger ist die Situation, wenn das Kind im Kreise seiner einsprachigen Cousins und Cousinen ist. Da gilt für mich dann auch wieder die Regel, wenn ich mit der Tochter spreche, in unserer Sprache, wenn ich allen etwas sage, dann die Sprache der Cousins und Cousinen, oder auch für die Cousins und Cousinen übersetzen.
Vor Lehrern und Musiklehrern ist dies generell kein Problem.
Diese freuen sich zu sehen, wie das Kind in 2 Sprachen kommunizieren kann und freuen sich fürs Kind. Verstehen ist dabei absolut zweitrangig.
Meine Regel, die sich generell sehr bewährt hat und die ich mit aller Konsequenz einhalte:
Ich mache die Sprache immer davon abhängig, wen ich beim Sprechen ansehe. Das ist ja dann auch die Person, mit der ich kommuniziere.
Dadurch halte ich zu 100% ein, dass die direkte Kommunikation zwischen mir und mit meinem Kind immer in deutsch stattfindet.
Dabei sollte man nicht vergessen, welchen Wert die Kenntnisse solcher praktischen Erfahrungen in der zweisprachigen Erziehung auch im Vergleich mit der Theorie noch vor Beginn der eigenen zweisprachigen Erziehung haben.
Wenn Ihr Schnäppchen zum Thema Baby oder Kinder sucht, dann lasst Euch nicht davon abhalten auch mal folgende Seite anzuschauen: http://www.clickie.de
Viel Spaß!
Abgelegt unter: Erziehung, Kind, Kinder, Kindererziehung, Uncategorized, zweisprachig, Zweisprachigkeit | Mit Tag(s) versehen: Erfahrungen in der zweisprachigen Erziehung, Kind, Kinder, Kindererziehung, Sprache, Sprachenlernen, zweisprachig, Zweisprachige Erziehung, Zweisprachigkeit | 2 Kommentare »